Kultur

Mehr Blumen des Bösen wagen

Durch die Blume: "La Vie en Rose" im Museum Brandhorst


Cy Twombly: "Roses" (2008), Acryl und Kreide auf Holz.

Cy Twombly: "Roses" (2008), Acryl und Kreide auf Holz.

Von Roberta De Righi

Man muss kein Philosoph sein, um in der Blume eine "Daseinsmetapher" zu erkennen: Der Zyklus von Werden und Vergehen ist offensichtlich, und sie werden aus Liebe, Anerkennung, zum Abschied und aus Trauer verschenkt. Als Thema einer Ausstellung sind Blumen nur bedingt eine "gmahde Wiesn". Denn bei aller Sinnenfreude droht die Gefahr, inhaltlich unterkomplex zu bleiben.

Als Beitrag zum "Flower-Power-Festival" zeigt jetzt das Museum Brandhorst die Ausstellung "La Vie en Rose" und flicht um Cy Twomblys monumentalen Rosen-Zyklus einen Kranz aus allerlei illustrem Beiwerk - von Arcimboldo, Breughel, Monet und Gabriele Münter. Und mit dem anfänglichen Verweis auf Hans Blumenberg betont Brandhorst-Direktor und Kurator Achim Hochdörfer die Transzendenz im Floralen.

Allzu schlichte Schönheit sollte man also nicht erwarten: Unter den Buketts üppiger Blüten lauern Tod und Teufel. Zum Beispiel bei Jennifer Packer. Ihr dunkler Strauß mit irritierenden Schlaglichtern "For R.N.M." gehört zu einer Serie, mit der sie an Persons of Color erinnert, die in den USA täglich durch Waffengewalt ums Leben kommen. Ein verschärftes Vanitas-Stillleben.

Die Amaryllis bei Gerhard Richter wiederum sehen mitgenommen aus. In dem verschwommenen Ölgemälde von 1994, das in der Zeit entstand, nachdem er sich von seiner damaligen Frau Isa Genzken getrennt hatte, hängen sie geknickt über den Vasenrand. Von Genzken wiederum hat Hochdörfer als Ergänzung aus dem Lenbachhaus eine ihrer "Empire Vampire"-Assemblagen von 2003 ausgeliehen, in der das Sujet dekonstruiert und gebrochen wird.

Das Blumige kann man auch in den beiden Tableaux von Georgia O'Keeffe, die ebenfalls das Lenbachhaus beigesteuert hat, kaum mehr erkennen. Ihre fast abstrakten Schwellkörper erinnern doch eher an blühende Vulven. Und Nicole Eisenmans "6 Roses" sind nur mehr ein Schatten dessen, was man sich als Blumenstillleben vorstellt. Jill Mullreadys Blumen indes sind 2003 entstanden, welken aber schon schwer symbolisch vor sich hin - Titel: "Ein Gedanke, der sich nie ändert, bleibt eine dumme Lüge."

Weil alle diese Kunstwerke an Stellwänden im Saal der Twombly-Rosen hängen, sind die Bilder des heimlichen Hausherrn immer mit im Bild. Monets "Seerosen" von 1915 aus der Neuen Pinakothek sind immerhin prominent am Anfang platziert. Darin mischt sich die Erinnerung des Malers, dessen Sehvermögen zu dem Zeitpunkt durch den Grauen Star stark beeinträchtigt war, mit der unmittelbaren Impression. Seine überdimensionierte Rosen-Paraphrase reicherte Twombly mit Gedichten von Bachmann, Emily Dickinson und Rilke an und schuf sie 2008 eigens für den Saal. Mehr noch als die opulenten Großformate faszinieren die drei Bilder ohne Titel von 2003 in Hellblau und Weiß, unter dem Rot und Gelb durchschimmern - und wo Himmel und Meer eins werden.

Dass die Schau auch absichtsvoll verschwommene Foto-Drucke von Erbsen, Tulpen, Zitronen und Twomblys eigenen Gemälden in großer Zahl zeigt, mag nachvollziehbar sein, verwässert "La Vie en Rose" allerdings ein wenig. Ein paar mehr Blümchen des Bösen wären interessanter gewesen.

Roberta De Righi

Museum Brandhorst, bis 22. Oktober, Di - So 10 bis 18, Do bis 20 Uhr