Salzburger Festspiele

Die Uraufführung von Peter Handkes "Zdenek Adamek"


Peter Handke (Mitte) mit Friederike Heller beim Applaus.

Peter Handke (Mitte) mit Friederike Heller beim Applaus.

Von Robert Braunmüller / TV/Medien

Salzburger Festspiele: Friederike Heller inszeniert die Uraufführung von Peter Handkes neuem Stück "Zdenek Adamec".

Dass man sich ganz eins mit sich selbst fühlt, mag nur für Momente erlebbar sein, aber immerhin: Es gibt solche Momente! Für eine kurze Zeitspanne darf Eva Löbau auf der Bühne im Salzburger Landestheater im gleißend hellen Scheinwerferlicht stehen und über eine große Harmoniewelle in ihrem Innern berichten, bis dann doch die "Giftige Große Weltnadel" zusticht und das Ich inmitten von Milliarden "Elendshäufchen" wieder zusammenschrumpelt. "Hanns!", ruft Löbau zu Hanns Zischler, der in ihrer Nähe steht, "hört denn dieses Schinden und Geschundenwerden nimmer auf?"

Das große Leiden an der Welt, es mag Zdenek Adamec, den 18-jährigen Sohn eines Steinmetzes, dazu getrieben haben, sich am 6. März 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz selbst zu verbrennen. Gleichzeitig stammen Löbaus Worte nicht nur aus der Feder von Peter Handke, sondern könnten auch dessen eigenen Gemütszustand zwischen Epiphanien und Lebensschinderei beschreiben. Dessen neues Stück "Zdenek Adamec", uraufgeführt im Rahmen der Corona-bedingt abgespeckten Salzburger Festspiele, ist ein Werk der unermüdlichen Recherche, der engagierten Einfühlung. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass Peter Handke sich auch immer wieder selbst bespiegelt, dass die Sieben auf der Bühne des Landestheaters allesamt Alter Egos des umstrittenen Schriftstellers sind.

Ein wegrotierender Essay

Die Tat von Zdenek Adamec war eine der Selbstauslöschung, im Protest gegen ein Tschechien, dem auch der Kapitalismus keine Erlösung brachte. Als Adamec sich auf dem Wenzelsplatz mit Benzin überschüttet und auf ein schmales Sims hinaufkletterte, leuchteten unter ihm "die Neonröhren von Sony, Olympus, McDonalds", heißt es in einem Zeitungsartikel, der im Stück wortwörtlich zitiert wird.

Diese und andere Fakten bringt Peter Handke im Stück nüchtern zum Klingen, um immer wieder auf andere Assoziationspfade, in seinen ganz eigenen, lyrischen, verqueren Jargon, abzuschweifen. Von einem Theaterstück kann man eigentlich hier nicht sprechen, eher von einem auf Sprecherpositionen verteilten, vom Thema lose wegrotierenden Essay, dem die Handke-erprobte Friederike Heller nun recht treu folgt -was für eine Uraufführung ja durchaus eine angebrachte, schöne Regie-Haltung ist.

Die sehr lange Regieanweisung Handkes zu Beginn des Stücks kommt dabei kaum zur Geltung; stattdessen mischen Heller und Dramaturgin Andrea Vilter einige dieser Sätze in den anfänglichen Redestrom ihres Ensembles hinein. Ein Fest könnte der Anlass für das Gruppennachdenken über Zdenek Adamec sein, schickt Handke voraus, und für diese Möglichkeit entscheidet sich die Inszenierung. Hübsche Easy-Listening-Musik, wie bei einem Feel-Good-Movie, spielt die Band um Peter Thiessen zu Beginn, und die Gäste treffen vereinzelt ein, huschen vorbei, positionieren sich.

Genussrauchen mit Peter Handke

Es hat dann was von einem gemütlichen, hippiesken Treffen, inklusive Trinkerei und Genussrauchen, was das national durchgemischte Siebener-Team, darunter Handkes Ehefrau Sophie Semin, in konfliktloser Eintracht veranstaltet.
In immer neuen Grüppchen formieren sie sich unter und neben den bogenförmigen Metall-Gerüsten, die Bühnenbildnerin Sabine Kohlstedt wie eine Säulenhalle hintereinander gesetzt hat. Sie halten Reden, kuscheln sich zusammen, geben sich Küsschen, berühren sich im Modus alter Kumpane, als ob sie damit noch mal besonders betonen wollen, dass die Pandemie in Österreich keinen Sicherheitsabstand auf der Bühne erzwingt, sondern die Truppe dank häufiger Corona-Tests sicher ist und sich deshalb aufs Heimeligste zusammenschweißen darf.

Im Laufe dieses Handke-Schwofs darf jeder mal hervortreten. Hanns Zischler gibt als wohl behüteter Grand Seigneur "Memphis Tennessee" von Chuck Berry kurz zum Besten. Der jüngere André Kaczmarczyk wirkt in seinem weiten Outfit, mit Feder im Haar wie ein clownesker Clochard, der unter anderem erzählt, dass Adamec, eben, eine Feder geklaut haben soll. Solche Details poppen auf, aber offensichtliche Schlüsse daraus will Handke nicht ziehen, das wäre ja auch einfach zu simpel gestrickt.

Stattdessen Assoziationen und Anekdoten, die vielleicht wahr oder erfunden sind. Der Säulengang wird einmal auch zum böhmischen Waldstückchen, das (angeblich) dem jungen Adamec ein Refugium vor der Welt bot, und weil im Text steht, dass er diesen Ort auch einmal jemandem anderes zeigte, wandelt die Gruppe gemeinsam Hand in Hand durch ihn.

Mäandernde Stunden

Etwas Frohsinn darf bei Handke schon sein, bei aller Verzweiflung über diese Welt. Als Teil einer Gruppe von Computer-Hackern, die sich "Die Verdunkeler" nannten, spielte Zden(e)k Adamec mit dem Stromnetz und tauchte Teile Prags oder ganze Städte ins Dunkle. War er also ein Teamplayer? Oder doch ein "Alleinspieler?"

Seine Tat wurde jedenfalls bei weitem nicht so anerkannt wie die Selbstverbrennung von Jan Palach 1969, der damit auf die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die sowjetische Armee reagierte. Durch Handke bekommt Zdenek Adamec nun die Aufmerksamkeit geschenkt, die ihm gebührt.

"Bitte, haltet mich nicht für einen Narren", ist ein viel zitierter Satz aus seinem Abschiedsbrief. Diesem Wunsch leistet das Ensemble Folge: Sie nehmen Zdenek Adamec und Handkes Text ernst. Im gemeinschaftlichen Erspüren der Sätze entsteht dabei eine Wärme, die sich ins Parkett überträgt, auch wenn dieses Fest sich mit seinen zwei mäandernden Stunden allzu sehr in die Länge zieht.

Wieder am 4., 7., 9., 12., 13., 15. und 16. August um 19.30 Uhr im Salzburger Landestheater. Restkarten unter www.salzburgfestival.at

Lesen Sie auch unser Interview mit der Schauspielerin Eva Löbau über das Stück

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Luisa-Céline Gaffron, Hanns Zischler, Sophie Semin und Eva Löbau (von links) spielen Handke in Salzburg.

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Peter Handkes "Zdenek Adamek" im Landestheater.