Literaturnobelpreis

Peter Handke und das Poetische als Lüge


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Von Robert Braunmüller / TV/Medien

Am Dienstag wird Peter Handke mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt, obwohl Zweifel angebracht sind, ob er ihn wegen seiner Texte zum Jugoslawienkrieg wirklich verdient.

Am Freitag feiert der 1942 geborene Sohn einer Kärntner Slowenin und eines Deutschen seinen 77. Geburtstag. In Stockholm ist für den Tag eine Pressekonferenz angesetzt. Am Sonntag folgt die Nobelvorlesung, am Dienstag die Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Dass es wegen Peter Handkes literarischer Relativierung von Massenmorden im jugoslawischen Bürgerkrieg Proteste und Demonstrationen geben wird, gilt als sicher.

Begonnen hat die Kontroverse 1996 mit dem in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichten Bericht einer "winterlichen Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina", in der Handke "Gerechtigkeit für Serbien" verlangte. Mit Kriegsverbrechen serbischer Milizen konfrontiert, reagierte der Autor schon damals dünnhäutig. "Gehen Sie nach Hause mit Ihrer Betroffenheit, stecken Sie sich die in den Arsch!", rief er noch im gleichen Jahr im Wiener Akademietheater einem hartnäckig Fragenden zu.

Mehr als zwei Jahrzehnte Gegenwind

Handke verbiss sich in das Thema mit weiteren Reiseberichten, Erzählungen und dem 1999 von Claus Peymann in Wien uraufgeführten Theaterstück "Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg". Vor 20 Jahren erschien bei Suhrkamp ein Buch zur Debatte, das sich wie frisch geschrieben liest, weil darin allein Autoren aus Ex-Jugoslawien die Weihestimmung ein wenig stören, während Kritiker von Handkes Serbien-Verteidigung als lesefaule Hypermoralisten denunziert werden.

Danach besuchte Handke den vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien im Mai 1999 wegen Völkermord, Massenvertreibung und anderer Kriegsverbrechen angeklagten serbischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic im Gefängnis in Den Haag. 2006 sprach er bei dessen Beerdigung in Pozarevac. Als Handke im gleichen Jahr den hochdotierten Heine-Preis der Stadt Düsseldorf erhalten sollte, gab es heftigen Gegenwind für diese Entscheidung, worauf der Schriftsteller den Preis ausschlug.

Seine Verteidiger verweisen gerne auf einen im gleichen Jahr in der "Libération" und der "SZ" erschienenen Text. Handke bezeichnet dort das Massaker von Srebrenica als das "schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit", das in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg begangen wurde.

Leider geht der Text dann mit einer für ihn typischen Relativierung weiter. Handke rechnet den 1995 von serbischen Milizen in der UN-Schutzzone um Srebrenica begangenen Massenmord an 8000 Menschen gegen das 1993 von muslimischen Bosniern an Serben begangene Verbrechen von Kravica auf, das 48 Opfer forderte - in Handkes Diktion ein "Genozid". Dass das eine Massaker eine Rache für das andere gewesen sei, ist eine Verschwörungstheorie, die von lokalen Nationalisten geteilt wird, aber sonst von niemandem.

Nicht autorisiert, aber auch nicht dementiert

2011 gab Handke den "Ketzerbriefen", einer rechtslastigen "Flaschenpost für unangepasste Gedanken" in Zeitschriftenform, ein Interview. Da fragte er sich, ob in Srebrenica - "eigentlich will ich Zahlen vermeiden" -, tatsächlich "2000 bis 4000 Menschen" umgebracht wurden. Das Schlimmste halte er "für konstruiert". Und "überhaupt, diese sogenannten Mütter von Srebrenica: Denen glaube ich kein Wort, denen nehme ich die Trauer nicht ab. Wäre ich Mutter, ich trauerte alleine".

Ob er das so gesagt hat, ist nicht sicher. Handke hat das Interview nicht autorisiert. Er hätte allerdings für ein Dementi acht Jahre Zeit gehabt. Über den Suhrkamp-Verlag distanzierte er sich erst jetzt mit der lauwarmen Bemerkung, es entspräche nicht dem von ihm Gemeinten. Überhaupt zähle für ihn nur Geschriebenes, nicht aber Gesagtes.

Mit derlei Windungen kam Handke lange durch, weil die wahrscheinlich völkerrechtswidrigen Luftangriffe der Nato 1999 auf Belgrad und andere serbische Städte unter pazifistischen Linken bis heute als "Sündenfall Jugoslawien" gelten. Angesichts der verwirrenden Verhältnisse in Bosnien und im Kosovo ist es sehr bequem, sich auf die Position zurückzuziehen, die Nationalisten aller Seiten seien gleich schlimm. Aber es ist denkfaul, weil die Vorgänge historisch und juristisch gut aufgearbeitet sind.

Was Handke nicht beschreibt

Das alles kochte wieder hoch, als die von Affären gebeutelte Schwedische Akademie am 10. Oktober bekannt gab, die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk mit dem nachgeholten Preis für 2018 und Handke für 2019 ehren zu wollen. Nur wenige Tage nach Bekanntgabe der Preisträger wurde der 1978 im bosnischen Visegrad geborene und 1992 mit seinen Eltern nach Heidelberg geflohene Sasa Stanisic für den Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Er nutzte dies für eine Abrechnung mit dem designierten Nobelpreisträger und erklärte, "dem entkommen" zu sein, "was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt": dem von Serben begangenen Morden an bosnischen Muslimen.

Bei Handke heißt es über Stanisics Heimat Visegrad, dass, Milizen, die barfuß gingen, die ihnen vorgeworfenen Verbrechen gar nicht begangen haben könnten. Es ist eine für Handkes Stil typische Passage voller Raunen und suggestiver Fragen. Die Opfer bleiben ebenso unerwähnt wie der Name des wegen der Kriegsverbrechen zu lebenslänglicher Haft verurteilten Milan Lukic.

"Mich erschüttert, dass so etwas prämiert wird", so Stanisic. Auch ein katholischer Theologe habe Handke zu diesem Nobelpreis gratuliert, der ihm "jenseits der politischen Korrektheit" zugesprochen worden sei. Er selbst verstehe sich als Vertreter "einer Literatur, die nicht zynisch ist, nicht verlogen und die uns Leser nicht für dumm verkaufen will, indem sie das Poetische in Lüge verkleidet".
Das Wort Lüge mag im Zusammenhang mit Handke hart klingen. Aber es trifft leider den Sachverhalt seines Verschweigens und Verdrehens.

Sehnsucht nach der Vormoderne

Auf seinen empfindsamen Serbien-Reisen suchte er nach einer ursprünglichen Welt voller "märchendicker Flußfische", "walddunkler massiger Honigtöpfe" und "truthahngroßer Suppenhühner", die gegen die westliche Konsumkultur in Stellung gebracht wird: "Die Bomben haben immerhin bewirkt, dass wenigstens eine Jugend auf der Welt geheilt ist von CC und McD (Achtung, antiamerikanisch!)."

Serbien ist kein Raum der Gegenmoderne. Was mit CC gemeint sein soll, bleibt rätselhaft, McD steht für das bekannte Schnellrestaurant. An der Klammer ist zu ersehen, dass Handke, der einst die Jukebox pries und die deutsche Popliteratur erfand, lange ehe der Begriff geprägt wurde, seinen Beobachtungen nicht wirklich traut. Zum Ausgleich wiederholt er sie unablässig und schreibt am Straßenrand verkauftem Benzin in Plastikflaschen größere Ursprünglichkeit zu als dem aus dem Hahn einer Tankstelle gezapften Treibstoff.

Im Anti-Amerikanismus und dem Säen des Zweifels an historisch und juristisch weitgehend abgesicherten Wahrheiten trifft sich Handke mit der Kulturkritik der Neuen Rechten. Mit ihr verbindet ihn auch die Abscheu gegenüber den Medien, deren Sprache ihm ein Graus ist. Das sei, so Handke, auch der Grund für seinen Auftritt bei der Beerdigung des Ex-Präsidenten gewesen: "Solche Sprache war es, die mich veranlasst zu meiner Mini-Rede in Pozarevac - in erster und letzter Linie solche Sprache, nicht eine Loyalität zu Slobodan Milosevic, sondern die Loyalität zu jener anderen, der nicht journalistischen, der nicht herrschenden Sprache."

Das Vorzüglichste in idealistischer Richtung

Handke kritisierte zwar mit Recht die Dämonisierung der Serben in Teilen der Berichterstattung während der Jugoslawienkriege. Aber er selbst muss sich auch vorwerfen lassen, die korrupte Clique um Milo(s)evi(´c) mit der Bevölkerung verwechselt zu haben. Der Schriftsteller nahm gerne offizielle Preise entgegen und ließ sich mit allerlei obskuren Gestalten fotografieren. Die zunächst schwache demokratische Opposition in Serbien interessierte ihn nie, was deren Vertreter auch verbitterte.

Die gegenwärtige Handke-Debatte verlagerte sich schnell ins Internet: in Twitter-Threads und Blogs, weil ein Fakten-Check der Serbien-Texte des designierten Nobelpreisträgers viel Spezialwissen erfordert und mehr Raum braucht, als er in Zeitungen zur Verfügung steht. Zwei besonders aufschlussreiche Analysen, die auch für diesen Artikel herangezogen wurden, sind im Online-Magazin "Perlentaucher" nachzulesen.
Die mit Handke alt gewordenen Großkritiker nahmen dies, wie ein "Zeit"-Interview mit dem Autor beweist, generationsbedingt kaum zur Kenntnis: Sie wollten sich ihre Leseerfahrungen mit dem Frühwerk nicht durch Recherchen über Bosnien verderben lassen.

Die Schwedische Akademie hat den Preis für 2018 einer von Nationalisten kritisierten Schriftstellerin gegeben und den für 2019 einem zum Reaktionär gealterten Nationalistenversteher. Eine Haltung kann man das nicht nennen. Die wäre aber bei einem Preis vonnöten, der nach dem Willen seines Stifters "das Vorzüglichste in idealistischer Richtung" ehren soll.

Handke hat das Glück, dass den meisten Lesern Venezuela oder Chine näher stehen wie die nur eine Tagesreise entfernten bosnischen Massengräber. Hätte Handke ähnlich raunend und sich in die Täter einfühlend über Kriegsverbrechen der Jahre zwischen 1939 und 1945 geschrieben, wie er es über die Jugoslawienkriege und ihre Akteure getan hat, wäre er kein Nobelpreisträger, sondern ein erledigter Fall.