Überblick

Nagelsmann raus, Tuchel rein - koste es, was es wolle

Beim FC Bayern ging die Angst um, dass ihnen Thomas Tuchel abermals durch die Lappen gehen könnte, daher haben sie nun zugeschlagen - und das Intermezzo mit Julian Nagelsmann als Coach beendet.


Von Patrick Strasser

Meine Damen und Herren der Vereinsspitze des FC Bayern: Unser nächster Kandidat hört auf den Namen Thomas Tuchel.

Gebote? Zum ersten, zum zweiten - und zum. . . Nein, so lange wollten die Bosse um Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic nicht warten. Zu wichtig war ihnen diese Personalie.

Bei Thomas Tuchel, der heißesten Trainer-Aktie im internationalen Geschäft, weil aktuell ohne Verein, wollte der FC Bayern nicht noch einmal zu spät kommen. 2018 zauderte vor allem der damals amtierende Präsident Uli Hoeneß zu lange, weil er Jupp Heynckes nach dessen viertem Engagement von einer weiteren Saison an der Säbener Straße überzeugen wollte. Der jedoch ging lieber in die wohlverdiente Rente, die Tuchel-Seite wurde hingehalten. Schließlich unterschrieb der Wunschtrainer des damaligen Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge bei Paris St.-Germain - und war weg vom Markt. Als C-Lösung holte Bayern Niko Kovac von Eintracht Frankfurt.

Was gründlich schief ging. . .

Also: Nur nicht noch einmal einen Tuchel-Deal vermasseln! Da der 49-Jährige zuletzt mit Tottenham Hotspur verhandelte und als heißer Kandidat auf das Erbe von Carlo Ancelotti bei Real Madrid galt, mussten die Bayern-Bosse jetzt handeln. Koste es was es wolle, Julian Nagelsmann kostete es trotz eines Vertrages bis 2026 den Job (siehe Seite 18).

Im Verborgenen hielten die Bayern zu Tuchel via dessen Management schon länger losen Kontakt. Dass der ehemalige Coach von Borussia Dortmund, der seit seiner Entlassung im September 2022 beim FC Chelsea ohne Job war, das Angebot der Münchner so schnell akzeptierte, spricht für dessen prinzipielle Bereitschaft und die hohe Motivation.

Tuchel sieht jetzt den idealen Zeitpunkt, er wird einen Vertrag bis Juni 2025 unterschreiben. Umso praktischer, dass er eine Wohnung in München besitzt und in der Landeshauptstadt gerne Zeit verbringt.

Kürzlich wurde er mit seiner Freundin Natalie Guerreiro Max bei einem In-Italiener in der City gesehen. Die 14 Jahre jüngere brasilianische Geschäftsfrau hatte er in London kennengelernt und sich darauf von seiner Jugendliebe Sissi scheiden lassen. Gemeinsam hat das Paar zwei Töchter, Emma-Josefine und Kim, beide im Teenager-Alter.

Tuchel wird Bayerns siebter Trainer in der siebten Spielzeit nach der Ära Pep Guardiola, der von 2013 bis 2016 im Amt war. Er wird seine beiden Co-Trainer Zsolt Löw und Arno Michels sowie Fitnesscoach Rainer Schrey mitbringen.

Was wird aus Torwarttrainer Michael Rechner, der erst im Februar als Nachfolger des entlassenen Toni Tapalovic von der TSG Hoffenheim geholt wurde? Der 42-Jährige darf bleiben, so ist zu vernehmen. Die Profis, die sich nicht auf Länderspielreise befinden (etwa die diesmal nicht für die DFB-Auswahl nominierten Thomas Müller und Leroy Sané), haben bis inklusive Sonntag frei, ab Montag soll Tuchel das Training leiten. Sein Pferdefuß in der Vorbereitung auf den deutschen Clásico gegen Borussia Dortmund am 1. April: Die meisten Nationalspieler kehren erst am Mittwoch bzw. Donnerstag zurück nach München.

Tuchels klare Spielidee gefällt den Bossen - aber wird sein Training auch den Stars gefallen? Der bayerische Schwabe, gebürtig aus Krumbach im Landkreis Günzburg, gilt als deutscher Pep, als besessener Tüftler und Taktiker, der "80 Prozent meiner Wachzeit mit Fußball verbringt" wie er einmal gestand.

Er wird der Mannschaft neue Impulse verleihen, das ist sicher. Seine auch im Training ständig fordernde Art kann auch nerven. Man sagt Tuchel nach, dass sein stetes Streben nach Perfektion in allen Bereichen des Leistungssports hier und da kritisch gesehen wird - noch eine Parallele zu Guardiola. In seiner Zeit als BVB-Trainer (2015 bis 2017) stellte er die komplette Ernährung der Borussia um, er selbst lebt vegan und verzichtet nahezu vollständig auf Alkohol - abgesehen von einem Gläschen Champagner nach Siegen.

Tuchel kann Feuerwehrmann. Ende Januar 2021 übernahm er die labile und instabile Mannschaft des FC Chelsea - und führte sie wenige Monate später zum Champions-League-Triumph.

Gelingt ihm dies mit Bayern, wird er sich ein Gläschen genehmigen.