Games-Branche

Landshuter Spieleschmiede: Der Ritter macht mobil


Der Landshuter Stefan Ritter entwickelt seine eigenen Spiele und Apps.

Der Landshuter Stefan Ritter entwickelt seine eigenen Spiele und Apps.

Von Patrick Beckerle und Redaktion idowa

Einst waren sie nur etwas für Jugendliche, heute kennt sie fast jeder: Videospiele. Für Stefan Ritter sind sie seit jeher ein wichtiger Teil seines Lebens. Der 44-jährige Landshuter ist Spiele-Entwickler - einer der wenigen, der in seiner niederbayerischen Heimat geblieben ist. Er ist überzeugt: Die Branche wird noch weiter wachsen und in Zukunft auch Hollywood-Produktionen Konkurrenz machen.

Mit zehn Jahren kam Ritter zum ersten Mal mit Videospielen in Kontakt. Das war 1984 - dem Jahr, in dem zum Beispiel Tetris und seine legendäre Melodie das Licht der Welt erblickte. Schon in den Jahren zuvor waren Spiele wie Pac-Man (1980), Donkey Kong (1981) oder Q*-bert (1982) erschienen. Heute allesamt anerkannte Klassiker, damals für viele absolutes Neuland. So auch für Ritter. Er war vom Medium Videospiel jedoch sofort begeistert. "Das ging soweit, dass ich meinem Vater sogar Münzen stibitzt habe, um in der Spielhalle weiter am Automaten spielen zu können. Das war nicht schön, als das herausgekommen ist", erinnert er sich mit einem Schmunzeln zurück. Zum Glück bekam er kurz darauf seinen ersten eigenen Computer - und damit die Möglichkeit, sich auch selbst mit der Materie zu beschäftigen. "Wir waren damals in meinem Freundeskreis eine kleine Computer-Clique", beschreibt Ritter die Anfänge. "Wir haben uns zusammengetan, Ideen ausgetauscht und gemeinsam programmiert."

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Alien Tribe 2 aus dem Hause Ukando Games gehört bis heute zu den erfolgreichsten iOS-Spielen im Genre Echtzeit-Strategie. Auch Stefan Ritter hat bei der Entwicklung mitgewirkt.

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Momentan arbeitet Ritter zusammen mit mehreren Mitstreitern an einer Plattform namens Re/Work: Sie soll dabei helfen, Bauherren und Handwerker zu vernetzen. Dieser Vorab-Screenshot zeigt, wie das aussehen könnte.

Mit 16 das erste Spiel entwickelt

Mit 16 hatte Ritter zusammen mit einem Freund sein erstes eigenes Spiel entwickelt - das sie natürlich sofort aller Welt zeigen wollten. "Es gab damals diese Zeitschrift 'Happy Computer'. Dort konnte man Spiele einschicken und wenn es ihnen gefiel, kauften sie es", erzählt Ritter. "Normalerweise zahlten sie etwa 3.000 Mark für ein Spiel. Wir waren frech, haben unser Spiel eingeschickt und dafür 6.000 Mark verlangt. Am Ende kam ein Brief mit einem Scheck zurück - über 7.000 Mark. Für Schüler wie uns war das eine Menge Geld. Das war schon ein tolles Gefühl."

Für Ritter war es auch Motivation, den eingeschlagenen Weg zu verfolgen und weiterhin Software zu entwickeln. Heute leitet er mit Ritter Mobile Technology in Landshut seine eigene Firma, die auf die Entwicklung von Apps und Spielen für Mobiltelefone spezialisiert ist. Wie man sich diese Arbeit vorstellen kann? Ritter vergleicht seinen Beruf gern mit dem eines Musikers: "Manchmal stelle ich nur mein Studio zur Verfügung und nehme für andere etwas auf. Das ist dann Projektarbeit. Manchmal produziere ich. Das ist dann Beratung. Und manchmal habe ich einfach Lust, eine eigene Platte aufzunehmen. Das kann dann die Entwicklung einer App oder eines Spiels sein. Ich habe also relativ große Freiheiten. Wobei ich schon sagen muss, dass Spiele bei mir immer noch einen besonderen Stellenwert einnehmen."

Ein gutes Beispiel dafür ist Alien Tribe 2 aus dem Hause Ukando Games, an dem Ritter mitgewirkt hat. "Ich kannte die Verantwortlichen dort, weil ich schon bei ein, zwei Spielen von ihnen mitgewirkt habe. Dann haben sie Alien Tribe herausgebracht. Ich habe es gespielt und dachte mir: 'Wahnsinn, das ist richtig gut'. Für den Nachfolger haben wir zusammengearbeitet - und der hat dann richtig eingeschlagen." Das Spiel wurde im Dezember 2013 veröffentlicht und fand auch international hohe Beachtung. Noch heute zählt es zu den erfolgreichsten iOS-Spielen im Genre Echtzeit-Strategie.

"Es gibt viele gute Spiele, die niemand kennt"

Für einen Entwickler ist das ein absoluter Glücksfall. "Wenn man einmal in den Top Ranks drin ist, kommen die Downloads ganz von alleine", so Ritter. "Im Idealfall finanziert ein gut laufendes Spiel alle anderen. Aber bis dahin ist es ein sehr weiter Weg. Die Zeiten, in denen man ein Spiel im App-Store veröffentlicht und es sich von alleine verkauft, sind lange vorbei." Generell ist der Markt der mobilen Spiele laut Ritter hart umkämpft: "Es gibt wirklich viele gute Spiele da draußen - die aber niemand kennt. Wenn man heute ein Puzzle-Spiel entwickelt, ist es eines von 25.000. Um Erfolg zu haben, muss man entweder eine Nische besetzen oder herausstechen." Ein weiteres Problem: "Der durchschnittliche Spieler hat pro Tag etwa zwei Stunden Zeit, um zu spielen. Wenn er dann eine Stunde lang Candy Crush Saga und Angry Birds spielt, bleiben andere Spiele auf der Strecke. Dazu kommt noch, dass die Leute normal nicht bereit sind, viel Geld für ein mobiles Spiel auszugeben. Drei Euro sind da so eine Grenze. Wenn ich dann noch die Mehrwert-Steuer und die 30 Prozent, die an Apple gehen, weg rechne, bleibt unterm Strich nicht mehr viel übrig."

Generell ist Ritter überzeugt: "Spiele entwickelt man in erster Linie aus Leidenschaft - und nicht wegen des Geldes. Das durchschnittliche iOS-Spiel bringt auf Lebenszeit etwa 5.000 Dollar. Davon wird man nicht reich." Umgekehrt gebe es aber auch Spiele, die mehrere 100.000 am Tag umsetzen. "Das sind jedoch Zahlen, die sind für den normalen Entwickler eher Wunschgedanken. Als kleines Studio kann man da nicht mithalten", schränkt Ritter ein.

Auch die Politik bietet Hilfestellung an

Besonders der Einstieg in die Branche kann schwer sein: "Alleine kann man nur eine gewisse Größe von Spiel realisieren. Denn wenn man zwei, drei Jahre für die Entwicklung braucht, ist die Technik bis zum Release schon wieder veraltet", so Ritter. "Dann brauche ich aber ein größeres Team: Grafiker, Programmierer, Sound-Designer... Und das kostet natürlich entsprechend." Zum Glück für (angehende) Entwickler bietet hier auch die Politik Hilfestellungen an. "Es gibt mittlerweile viele wirklich gute Anlaufstellen in Bayern, die Unterstützung anbieten. Die Fördergelder, die es für Games gibt, werden fast jährlich erhöht - auch daran erkennt man, dass die Branche boomt." Was Ritter zufolge dagegen noch fehlt, ist ein eigener Studiengang. "Spiele zu entwickeln ist keine Magie - das kann man lernen wie alles andere auch. Es ist nur schade, dass es dafür bei uns keine Studiengänge gibt. Die jungen Leute, die sich dafür interessieren, ziehen dann meist weg - und nur die wenigsten kommen wieder. Hier wäre in meinen Augen noch Handlungsbedarf."

Dass die Games-Branche ihren Zenit bereits erreicht hat, glaubt Ritter nicht. Im Gegenteil: "Spiele nehmen in unserem Leben einen immer größeren Stellenwert ein. Ich denke, irgendwann werden sie sogar das Medium Film ablösen oder damit verschmelzen." Ob man dann im Kino mit einer VR-Brille eine Rolle im Film einnehmen kann? "Wir werden sehen.", sagt Ritter. "Möglich ist es. Die Entwicklung läuft momentan so schnell, dass man kaum abschätzen kann, wo wir in 20 Jahren sein werden." Für die Zukunft hat Ritter auf jeden Fall noch viel vor: Momentan entwickelt er zum Beispiel mit einigen Mitstreitern ein eigenes Start-Up namens Re/Work. Die Plattform soll dabei helfen, Bauherren und Handwerksbetriebe zu vernetzen und wurde auch bereits vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ausgezeichnet. Aber auch weitere Spiele sollen folgen - ein Nachfolger für Alien Tribe 2 ist zum Beispiel schon in Planung.