Schnell und zielsicher im Doppelpack

Erfolgreich im Biathlon: Schrötter-Zwillinge am Beginn einer Profikarriere


Auf diesen Langlauf-Skiern hat ihre Karriere begonnen: Verena (links) und Christina Schrötter erzählen von ihrem Leben als erfolgreiche Biathletinnen und der Schwierigkeit, Schule und Sport unter einen Hut zu bekommen.

Auf diesen Langlauf-Skiern hat ihre Karriere begonnen: Verena (links) und Christina Schrötter erzählen von ihrem Leben als erfolgreiche Biathletinnen und der Schwierigkeit, Schule und Sport unter einen Hut zu bekommen.

Von Kerstin Weinzierl

Die ersten Paar Langlaufski stehen noch zu Hause in Arnbruck im Landkreis Regen. Einen Meter sind sie lang - oder besser kurz. Und nicht einmal einen Meter groß waren die Zwillingsschwestern Verena und Christina Schrötter, als sie sich mit vier Jahren zum ersten Mal auf Langlaufskiern durch die verschneite Landschaft geschoben haben. 15 Jahre später sind sie erfolgreiche Biathletinnen am Beginn einer Profi-Karriere.

Dabei kommen die Schwestern vor sieben Jahren nur durch einen Zufall zum Biathlon. "Wir haben als Kinder alles ausprobiert, Fußball, Volleyball, Tennis, Alpin-Ski, Langlauf", erinnern sich die beiden. Als die Langlauf-Trainingsgruppe beim WSV Skadi Bodenmais auseinanderbricht, trainieren sie mit ihrem Papa Rudi weiter, denken aber ans Aufhören. Während einer Trainingseinheit am Arbersee lädt Franz Bernreiter, ein erfolgreicher deutscher Biathlet und inzwischen im Nationaltrainerstab tätig, die beiden Zwölfjährigen zu einem Schnuppertraining ein.

Das Schnuppern entfacht in den Mädels eine Begeisterung, die bis heute anhält. "Die Trainingsgruppe war einfach super. Dann kam der Erfolg dazu und unser Ehrgeiz war geweckt", erzählt Christina. Verena versucht in Worte zu fassen, was die Faszination dieser Sportart ausmacht: "Du hast das Laufen und das Schießen, also eigentlich zwei Sportarten. Dadurch ist das Training abwechslungsreich. Außerdem kannst du in diesem Sport durch Fleiß viel erreichen." Denn ehrgeizig sind die Schrötter-Zwillinge. "Wir beißen uns immer durch, jammern gibt es nicht", charakterisieren sie sich selbst. Da kommt es nicht von ungefähr, dass zu ihren sportlichen Vorbildern Ole Einar Bjoerndalen (Anmerk. d. Red.: norwegischer Biathlet) gehört - in ihren Augen ein Perfektionist. Beeindruckt sind sie von seinem Ehrgeiz und seiner Disziplin.

Schule und Sport im Internat in Berchtesgaden

Doch hartes, zeitaufwendiges Training mit der Schule unter einen Hut zu bringen, ist nicht einfach. Die ersten Jahre geht es gut: Christina und Verena besuchen das Gymnasium in Bad Kötzting, trainieren nach der Schule und lernen bis spät in die Nacht. Irgendwann wird alles zu viel. Mit 15 Jahren, nach der achten Klasse, wechseln sie an die Christophorus-Schule, ein Internat für Wintersport in Berchtesgaden. Hier können sie Schule und Sport optimal verbinden: Die Oberstufe ist auf drei Jahre gestreckt, am Freitag findet kein Unterricht statt, am Montag sind es weniger Stunden. Genug Zeit fürs Training: je zwei Einheiten am Montag und Freitag, eine Einheit an den übrigen Tagen.

Etwa eine Woche pro Monat trainieren die Schwestern zusätzlich im Bundesleistungszentrum in Ruhpolding und werden in dieser Zeit von der Schule befreit. Hier wird vormittags von 8.30 bis 12 Uhr trainiert, mittags ist Lernzeit, teilweise mit einem Lehrer, nachmittags ist von 15.30 bis 18 Uhr wieder Training angesagt. Den verpassten Schulstoff müssen die Schwestern selbstständig nacharbeiten. "Wenn wir nach so einer Woche zurück an die Schule kommen, ist das schon krass. Oft sitze ich am Montag in den Mathestunden und kapiere rein gar nichts", erzählt Christina.

Nach Hause kommen Christina und Verena im Sommer beinahe jedes Wochenende, im Winter etwa jedes zweite oder dritte Wochenende, wenn kein Wettkampf stattfindet. Und genau das ist es, was den Geschwistern, trotz aller Begeisterung für diese Sportart, fehlt: ihr Zuhause. Gerade die ersten Monate im Internat in Berchtesgaden seien nicht leicht gewesen - weg von der Familie, weg von den Freunden, in einem fremden Ort, umgeben von fremden Leuten. Und noch heute bezeichnen sie das Leben aus dem Koffer als Wermutstropfen. "Wir sind einfach beide sehr heimatverbunden", gestehen die Zwillinge. "Aber wir trauern dem nicht nach, weil wir stattdessen viele schöne Dinge erleben. Wir lernen interessante Menschen aus ganz Deutschland kennen, die dieselben Interessen haben wie wir. Man lernt so viel fürs Leben, weil wir oft ins kalte Wasser geworfen werden und uns einfach durchkämpfen müssen."

Nach dem Abitur Start in die Profi-Karriere

Sie werden also weiter an ihrer sportlichen Karriere arbeiten. Nach ihrem Abitur - momentan stecken die Zwillinge mitten in den Prüfungen - wollen sich die beiden ein Zimmer in Ruhpolding nehmen, um im Stützpunkt in der Profigruppe mitzutrainieren. Ihren Lebensunterhalt werden sich Christina und Verena - wenn alles nach Plan läuft - bei Landespolizei, Bundespolizei, Zoll oder Bundeswehr verdienen. Diese Behörden ermöglichen den Biathleten entweder eine auf fünf Jahre gestreckte Ausbildung, die im Wesentlichen in den wettkampffreien Sommermonaten stattfindet, oder aber eine Freistellung von der Ausbildung während der Karriere bei vollem Gehalt. Voraussetzung ist die Berufung in den C-Kader.

Das wäre für die Familie eine enorme finanzielle Hilfe. Bis zum vergangenen Jahr, als die jungen Sportlerinnen erstmals in den C-Kader aufgenommen wurden, musste alles aus eigener Tasche finanziert werden: sowohl die Ausrüstung - etwa zehn Paar Ski benötigen die beiden jeweils - als auch die Kosten für das Internat. Etwas Unterstützung gab es von der Sporthilfe und regionalen Sponsoren. Dankbar sind die Schwestern auch für die Förderung durch ihren Heimatverein, den SV Arnbruck.

Vor zwei Wochen haben Christina und Verena erfahren, dass sie heuer nicht im C-Kader der Nationalmannschaft sind, der Kader ist verkleinert worden. "Das hat uns den Boden unter Füßen weggezogen", so Verena. "Jedoch ist uns gesagt worden, dass der DSV in uns eine Perspektive sieht und sich die Verantwortlichen einsetzen, dass wir trotzdem eine Behördenstelle bekommen." Doch egal, wie die Entscheidung ausfällt, die beiden werden weiter gemeinsam an ihrer Profi-Karriere arbeiten. Biathlon ist einfach ihre Leidenschaft. Und vielleicht wird eines Tages der Traum der Schrötter-Zwillinge wahr, bei einer Olympiade gemeinsam auf dem Podest zu stehen.