Präsident des Zentralrats der Juden

Josef Schuster: "Dinge, die ich mir nicht hätte vorstellen können"


An Europas größtem Chanukka-Leuchter vor dem Brandenburger Tor in Berlin brennt das erste Licht. Es wurde am 22. Dezember 2019 von Dr. Josef Schuster und Rabbiner Jehuda Teichtal gemeinsam entzündet. Mit dem Entzünden des ersten Lichtes an dem zehn Meter hohen Leuchter begann das achttägige jüdische Lichterfest Chanukka.

An Europas größtem Chanukka-Leuchter vor dem Brandenburger Tor in Berlin brennt das erste Licht. Es wurde am 22. Dezember 2019 von Dr. Josef Schuster und Rabbiner Jehuda Teichtal gemeinsam entzündet. Mit dem Entzünden des ersten Lichtes an dem zehn Meter hohen Leuchter begann das achttägige jüdische Lichterfest Chanukka.

Von Guido Verstegen / Online

Für Josef Schuster sind die Anschläge von Halle, Hanau und Kassel eine Zäsur - er fordert einen stärkeren Schutz für Juden und jüdische Einrichtungen.

AZ-Interview mit Dr. Josef Schuster (66): Der Würzburger ist Internist von Beruf. Seit 2014 ist er Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Zugleich bekleidet er das Amt des Vizepräsidenten des World Jewish Congress und des European Jewish Congress.

AZ: Herr Dr. Schuster, wie die Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland stolz vermeldete, kamen im vergangenen Jahr in der Bundesrepublik knapp 250 jüdische Babys zur Welt. Verstehen Sie, dass es Deutsche gibt, die ihre Mitbürger jüdischen Glaubens als Bedrohung wahrnehmen, obwohl in der Bundesrepublik insgesamt ja nicht einmal 100.000 von ihnen leben?
DR. JOSEF SCHUSTER: Antisemitismus, selbst Antisemitismus ganz ohne Juden, ist kein neues Phänomen. Selbst in der Zeit von 1945 bis 1990, als die Zahl der in Deutschland lebenden Juden deutlich unter 30.000 lag, gab es antisemitische Ressentiments. Ich habe eher das Gefühl, dass, wenn es in Deutschland mehr Juden gibt, wenn man in unserem Land mehr über jüdisches Leben erfahren kann, es etwas einfacher wird, diesen Vorurteilen zu begegnen.

Macht es Sie nicht traurig und wütend, dass es den Antisemitismus überhaupt noch gibt?
Antisemitismus hat in Deutschland eine sehr, sehr lange Geschichte. Nicht nur 1933 bis 1945 - es gab ihn auch viele Jahrhunderte zuvor. Dabei spielte sicher eine Rolle, dass die beiden großen christlichen Kirchen Antijudaismus von den Kanzeln gepredigt haben. Hier war von katholischer Seite erst Nostra aetate vor etwas mehr als 50 Jahren ein Wendepunkt (lateinisch für "in unserer Zeit"; die Erklärung über die Haltung der Katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, die die bleibende Erwählung des Judentums bestätigt, in dem das Christentum wurzelt, d. Red.). Wenn ich immer wieder die Frage höre, ob Juden zu Deutschland gehören, dann stelle ich die Gegenfrage: Wie lange können Sie die Wurzeln Ihrer Familie zurückverfolgen? Ich für meinen Teil kann das mehr als 450 Jahre lang in Deutschland. So lange lebt meine Familie im hessisch-fränkischen Grenzgebiet.

"Was Schutzmaßnahmen für jüdische Einrichtungen angeht, so hat Bayern diese nach dem Anschlag von Halle sofort verstärkt", sagt Dr. Josef Schuster.

"Was Schutzmaßnahmen für jüdische Einrichtungen angeht, so hat Bayern diese nach dem Anschlag von Halle sofort verstärkt", sagt Dr. Josef Schuster.


Fühlt sich die jüdische Gemeinde aufgrund der Corona-Krise - auch wenn das nach dem Anschlag auf die Synagoge 2019 in Halle kaum mehr möglich erscheint - verstärktem Antisemitismus ausgesetzt?
Es gibt in Deutschland schließlich eine beträchtliche Anzahl an Menschen, die den Juden die Schuld an der Pandemie zuschieben wollen. Das ist auch nichts Neues. Schon im Mittelalter hat man den Juden die Schuld an der Pest in die Schuhe geschoben. In meiner Heimatstadt Würzburg wurde damals die Synagoge niedergebrannt. Heute findet man an ihrem Platz eine als Sühnekapelle errichtete katholische Kirche. Dieses Phänomen, in Juden einen Sündenbock zu suchen, tritt dann auf, wenn etwas passiert, was sich die Menschen nicht erklären können. Mir hat noch niemand erklären können, wie das Coronavirus entstanden ist. Man kennt die Geschichte von Wuhan, aber was dort genau passiert ist, weiß keiner. Corona ist etwas Bedrohliches, Menschen sterben, die Freiheiten wurden eingeschränkt, man muss Maske tragen. In solchen Situationen wird meist die Schuld bei Minderheiten gesucht.

Schuster: "Dass Hassmails mit Klarnamen verschickt werden, ist neu"

Charlotte Knobloch sagte kürzlich in der AZ, dass sie ein mulmiges Gefühl hätte, wenn sie jungen jüdischen Familien zum Verbleib in Deutschland raten soll. Ist es wieder so weit, dass Juden auf gepackten Koffern sitzen müssen?
Wenn man einige Monate zurückblickt, kann man nicht verhehlen, dass wir Dinge gesehen haben, die ich mir nicht hätte vorstellen können. Konkret den Anschlag auf die Synagoge in Halle, genauso den Anschlag von Hanau, wo Mitbürger mit Migrationshintergrund das Ziel waren, oder der Mord an Regierungspräsident Lübcke in Kassel. Das sind Dinge, die eine Verunsicherung in der jüdischen Gemeinschaft ausgelöst haben. Der Satz von Charlotte Knobloch bei der Einweihung der Synagoge 2006 in München - "Die Koffer sind ausgepackt" - gilt zwar weiterhin, aber einige schauen bereits nach, wo ihre leeren Koffer stehen.

Spüren Sie persönlich einen wachsenden Antisemitismus?
Antisemitische Mails und Hasskommentare im Netz sind mehr geworden. Neu ist, dass diese nicht mehr anonym, sondern größtenteils mit Klarnamen verschickt werden.

Erschreckend ist eine Art von Alltagsantisemitismus, der in Deutschland Einzug hält. Vor einigen Tagen wurde ein Münchner Gemeinderabbiner am helllichten Tag in der Innenstadt von einer Gruppe junger Männer verfolgt und beleidigt. Keine der umstehenden Personen hat eingegriffen.
Das ist traurige Realität. Was Schutzmaßnahmen für jüdische Einrichtungen angeht, so hat Bayern diese nach dem Anschlag von Halle sofort verstärkt. Es gibt aber auch Bundesländer, in denen ich mir ein ähnliches Vorgehen wünschen würde.

Schuster: "Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten"

Glauben Sie, dass der Tag kommen wird, an dem die Polizei Synagogen nicht mehr rund um die Uhr schützen muss?
Ich hoffe es. Ich zähle mich nicht zu den Pessimisten, aber ich glaube nicht, dass ich diesen Tag noch erleben werde.

Sie haben kürzlich die bemerkenswerten Sätze gesagt: "Wir haben uns in Deutschland viel zu gemütlich eingerichtet. Ein bisschen Antisemitismus, ein bisschen Rassismus, ein bisschen Islam-Feindlichkeit - ist doch alles nicht so schlimm." Sind die Deutschen wirklich zu bequem, wenn es um den Schutz von Minderheiten geht?
Beim Thema Klima sind sie es nicht. Ich glaube, es liegt in der menschlichen Natur, dass Ereignissen, die uns nicht direkt betreffen, oft nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wenn wir zum Beispiel von einem weit entfernten Erdbeben hören, nehmen wird die Nachricht zur Kenntnis. Wir sind erschüttert über die Opfer, aber - und das muss wohl jeder, auch ich, selbstkritisch eingestehen - man sagt sich: Das betrifft mich ja nicht direkt. So ist es auch ein bisschen mit Angriffen auf jüdische Menschen und jüdische Einrichtungen, aber auch auf Muslime, Sinti und Roma oder andere Minderheiten. Diese Vorfälle werden im Ausland durchaus wahrgenommen und ich meine, sie schaden dem Ansehen der Bundesrepublik in der Welt.

Sie sind auch Vizepräsident des World Jewish Congress, dem weltweiten Zusammenschluss der nationalen Dachverbände der jüdischen Gemeinden. Blicken Sie für uns doch einmal über den deutschen Tellerrand hinaus - wie steht es um die Situation der Juden in der Welt, einmal abgesehen von Israel? Unterschiedlich. Was für Deutschland spricht, ist, dass bislang alle Regierungen - und ich hoffe natürlich, das bleibt so - ein ganz klares Bekenntnis zu jüdischem Leben in Deutschland abgegeben haben. Das waren und sind keine Lippenbekenntnisse. Diese Situation ist in vielen Ländern auf der Welt nicht so.

Israel steht gerade wieder in den Schlagzeilen wegen der möglichen Annexion eines Teils des Westjordanlandes. Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema?
Ich möchte vorwegschicken, dass ich als Zentralratspräsident die jüdische Gemeinschaft in Deutschland vertrete. Ich bin nicht der diplomatische Vertreter des Staates Israel. Ebenso wie es in der deutschen Gesamtbevölkerung unterschiedliche Haltungen zu diesem Thema gibt, so sind auch die Einstellungen von Jüdinnen und Juden hierzulande verschieden. Was man nicht verkennen darf: Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten. Die Regierung wurde von der Mehrheit der Bevölkerung gewählt. Das heißt, dass auch die Mehrheit hinter dieser Regierung steht. Die Mehrheit, das sind wiederum aber nicht alle. Es gibt durchaus eine Opposition in Israel - und viele Menschen stehen den Plänen der Regierung kritisch gegenüber. Von hier aus, aus 3.500 Kilometern Entfernung, stellt sich die Situation aber auch anders dar als für die Menschen, die vor Ort leben. Noch hat es keine Entscheidung Israels zum Thema Westjordanland gegeben. Ebenso wenig sind Details der Pläne bekannt. Daher hat mich auch der vorauseilende Beschluss des Deutschen Bundestages dazu irritiert.

Schuster: "UN-Botschafter Heusgen ist kein Freund Israels"

US-Präsident Donald Trump, man mag ihm vieles vorwerfen, ist ein Freund Israels. Wird das in der jüdischen Bevölkerung in Deutschland auch so wahrgenommen?
Auch in der jüdischen Bevölkerung Deutschlands gibt es wohl - wie überall in der Welt - unterschiedliche Meinungen zur Politik Trumps.

Im November 2019 kam es bei den Vereinten Nationen (UN) zu einer denkwürdigen Abstimmung. An einem Tag wurden acht Resolutionen gegen Israel verabschiedet - keine gegen eines der anderen 192 UN-Mitgliedsländer. Sieben dieser acht Resolutionen stimmte Deutschland zu. Verstehen Sie dieses Verhalten?
Es gibt drei Varianten: Ich kann zustimmen, ich kann ablehnen, ich kann mich enthalten. Keine Frage, ich hätte von der Bundesrepublik ein anderes Abstimmungsverhalten erwartet.

Ist der deutsche UN-Botschafter Christoph Heusgen ein Antisemit?
Ich bin kein Mensch, der den Begriff des Antisemiten schnell in den Mund nimmt. Wenn Sie mich fragen würden, ob er ein Freund Israels ist, dann denke ich nicht. Ich könnte mir eine neutralere und damit objektivere Besetzung dieses Postens vorstellen.

70 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland - wie fällt die persönliche Bilanz von Dr. Josef Schuster aus?
Der Zentralrat wurde gegründet als Organisation, die die in Deutschland nach dem Krieg gestrandeten jüdischen Menschen unterstützen sollte. Zum einen in der Zeit, die sie in Deutschland sind, zum anderen bei der Ausreise, sei es nach Israel, in die USA oder anderswohin. Man ging vor 70 Jahren nicht davon aus, dass sich jüdisches Leben in Deutschland wieder etablieren würde. In den 1970er Jahren kam es dann zu einem Umdenken, dessen Vorreiter Werner Nachmann war, der damalige Vorsitzende des Zentralrats. Es ging darum, wieder aktiv jüdisches Leben in Deutschland zu fördern. Der Zuzug sogenannter jüdischer Kontingentflüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in den 1990er Jahren hat den jüdischen Gemeinden einen deutlichen Zuwachs an Mitgliedern beschert. Dadurch kann jüdisches Leben in Deutschland dauerhaft als gesichert betrachtet werden. Mir ist für die Zukunft überhaupt nicht bange.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die nächsten 70 Jahre?
Ich wünsche mir, dass jüdisches Leben in Deutschland als selbstverständlich angesehen wird. Dass Juden nicht mehr als etwas Exotisches betrachtet werden, sondern als selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft und der deutschen Kultur. Und wenn das irgendwann ohne Polizeischutz gehen sollte, dann wäre mein Traum perfekt.

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