Kultur

Singen und Dirigieren

Die Münchner Philharmoniker unter Barbara Hannigan im Gasteig HP8


Die Dirigentin und Sopranistin Barbara Hannigan.

Die Dirigentin und Sopranistin Barbara Hannigan.

Von Robert Braunmüller

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks kann seit jeher für intimere Musik in den Herkulessaal wechseln. Die Münchner Philharmoniker waren bisher auf den riesigen Gasteig festgelegt - und damit auf großformatige Werke. Barbara Hannigans Programm mit selten gespielter französischer Musik wäre in der Weite dieses Raums ebenso verpufft wie kleinteiliger Filigran-Gesang. Insofern bietet die Isarphilharmonie eine Chance, andere, klanglich weniger breite Spielweisen auszuprobieren und das Repertoire zu erweitern.


Und das wird auch angenommen: Die Isarphilharmonie war - angesichts der notorischen Unbeliebtheit französischer Musik überraschend - gut besucht, wenn nicht sogar ausverkauft. Albert Roussels Suite aus dem Ballett "Das Festmahl der Spinne" darf eine Entdeckung genannt werden: Die Musik ist nicht weniger raffiniert, abwechslungsreich und farbig wie Maurice Ravels vielgespielte Suite "Ma mère l'oye". Barbara Hannigan motivierte die Philharmoniker höchst erfolgreich zur feinsinnigen Zurückhaltung.

Barbara Hannigan mit Liedern von Kurt Weill, Glen Miller und Frederick Loewe nach dem Konzert in der Halle E des Gasteig HP8.

Barbara Hannigan mit Liedern von Kurt Weill, Glen Miller und Frederick Loewe nach dem Konzert in der Halle E des Gasteig HP8.

Dann begleitete sie Stepháne Degout im Liederzyklus "Histories naturelles", in dem sich der Komponist als Experte für die kleinen Dinge erweist. Degout - vor einem Jahr der alles überragende Chorèbe in "Les Troyens" im Nationaltheater - gestaltete die Tieranekdoten genau, sprachnah und zugleich klangschön. Und nicht einmal Ravel-Kenner dürften bemerkt haben, dass die sehr feine Orchestrierung gar nicht vom Komponisten selbst stammt, sondern von Anthony Girard, einem 1959 in der Nähe von New York geborenen Experten für die Musik des französischen Impressionismus.

Nach der Pause ließ sich Barbara Hannigan bei den Rimbaud-Liedern "Les Illuminations" von Benjamin Britten von den leuchtenden Streichern der Philharmoniker begleiten, die in diesem Stück auch als Bläser oder Gitarren maskieren. Das gleichzeitige Dirigieren und Singen bringt einen Beigeschmack von Popkonzert in ein eher sperriges Programm, aber die Sopranistin ist als Interpretin so seriös, dass das nie stört.

Joseph Haydns Symphonie Nr. 104 geriet am Ende konventioneller. Die dramatische Zuspitzung am Ende der Durchführung im ersten Satz dürfte ruhig etwas schockierender sein, das Finale hatte den Beigeschmack von Spieldose. Andererseits schadet es bei einem mit Überraschungen gespickten Werk nicht, die Musik souverän für sich selbst sprechen zu lassen. Und die bequeme Gemütlichkeit hatte die Dirigentin dem dezent historisch informiert aufgeführten Stück ohnehin erfolgreich ausgetrieben.


Das frei zugängliche Nach-Programm in der ehemaligen Trafohalle war als Ausgleich zu einem eher strengen Konzert. Erst spielte ein Streichquartett der Philharmoniker kunstvoll veredelte Musical-Melodien, dann sang Barbara Hannigan noch drei Songs von Kurt Weill, Glen Miller und Frederick Loewe.

Das überzeugte übrigens auch künstlerisch, denn diese Musik gewinnt überraschenderweise, wenn sie nicht von Diseusen, sondern von intelligent agierenden klassischen Stimmen ein Kunstlied interpretiert wird. Sicher hätte man für eine solche Veranstaltung im alten Gasteig auf den Bereich vor dem Carl-Orff-Saal ausweichen können. Aber in aller Zwanglosigkeit, Treppen zum Sitzen und mit einer Bar funktioniert derlei in der Hans-Preißinger-Straße viel besser.