Kultur

Immer schön Kante zeigen

Seine Figuren hat er auf den Kopf gestellt, die Kunstwelt stößt er gerne vor den Kopf: Heute feiert Georg Baselitzseinen 85. Geburtstag - und wird weltweit mit Ausstellungen geehrt


Im Juni 2019 hat Georg Baselitz den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sechs riesige Gemälde und eine Plastik vermacht. Den Saal, der allein dem Künstler gewidmet war, gibt es nicht mehr, aber man findet in der neuen Dauerausstellung "Mix & Match" durchaus Werke des streitbaren Malers. R.

Im Juni 2019 hat Georg Baselitz den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sechs riesige Gemälde und eine Plastik vermacht. Den Saal, der allein dem Künstler gewidmet war, gibt es nicht mehr, aber man findet in der neuen Dauerausstellung "Mix & Match" durchaus Werke des streitbaren Malers. R.

Von Matthias Röder und Christa Sigg

Die Motive sorgten für einen Eklat. Ein riesiger Penis ziert das Ölbild "Nackter Mann", ein onanierender Bub ist in "Die große Nacht im Eimer" zu sehen. Die Werke von Georg Baselitz wurden 1963 bei einer Schau in Berlin beschlagnahmt. "Immer wieder auch die Darstellung des männlichen Geschlechtsorgans wie einst in Pompeji, nur dass jene alten Darstellungen den Vorzug des Ästhetischen aufweisen. Hier aber ist alles hässlich, aber ist Hässlichkeit Pornographie?", so heißt es in der Berliner "Nacht-Depesche" über die Präsentation, die den Staatsanwalt auf den Plan rief.

Der damals 25-Jährige aus der DDR, erst wenige Jahre zuvor in den Westen gezogen, war praktisch über Nacht zum Skandal-Maler avanciert. "Die große Nacht im Eimer" sei für ihn nach wie vor ein unglaubliches Bild, "welches durch die politische Korrektheit heutzutage noch weniger verständlich ist als damals oder gar entschlüsselt wurde", sagt Baselitz.

Der Künstler, der seit vielen Jahren zu den bedeutendsten weltweit gezählt wird, begeht heute seinen 85. Geburtstag - mit Kulturfreunden in Paris bei einer Baselitz-Schau in der Galerie Ropac. Es ist nur eine von sechs teils spektakulären Ausstellungen zum Jubiläum.

Nackt und bloß
- das berührende
Alterswerk

Als Höhepunkt gilt die Schau "Nackte Meister" ab 7. März im Kunsthistorischen Museum in Wien. 73 Gemälde und zwei Skulpturen von Baselitz aus den Jahren 1972 bis 2022 treten in Dialog mit den sich um Nacktheit rankenden Ölbildern Alter Meister. "Es ist die wohl größte Ausstellung, die das Kunsthistorische jemals einem modernen Künstler gewidmet hat", sagt Co-Kurator Andreas Zimmermann. Die Auswahl der Werke hat Baselitz selbst getroffen. Das lässt er sich nicht nehmen.

Darunter sind die späten Bilder, fragile Gestalten, nackt und bloß, die ihr Alter nicht verbergen und wie fast immer kopfüber auf der Leinwand schweben. Da ist nichts mehr, was sie schützen könnte vor den Blicken ihres Publikums. Idealisierte Schönheit ist Baselitz' Sache nicht, hohles Pathos lehnt er ab. Die Werkschau über 50 Jahre dokumentiert auch die Wandlungsfähigkeit des Malers: Fingermalereien, grobe Pinselstriche, federleichte Bilder oder zuletzt Collagen, in denen Feinstrumpfhosen aus den 60er Jahren eine wichtige Rolle spielen.

Und Bayern? In der Graphischen Sammlung werden vom 30. August an Meisterblätter aus zwei wichtigen Werkgruppen zu sehen sein und in ein Künstlerbuch Einzug halten. In diesem Fall sind das Blätter aus dem späten Schaffen und frühe Arbeiten wie etwa die Serie "Helden". Die Beziehung ist ja auch eine lang gepflegte. Herzog Franz hat sich früh schon für den widerborstigen Künstler starkgemacht. Dem Chef des Hauses Wittelsbach ist es letztlich zu verdanken, dass in München seit Anfang der 1970er-Jahren Baselitz gesammelt wird - mit der "Seeschwalbe" von 1972 ging's los. Und auch die Würdigung durch eine große Präsentation ließ nicht lange auf sich warten: 1976 war das überhaupt die erste Ausstellung eines zeitgenössischen Künstlers in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Und man darf davon ausgehen, dass der damalige Generaldirektor Erich Steingräber nicht wirklich zu den genuinen Befürwortern gehört hat.

Die Zeiten ändern sich bekanntlich. Die Staatsgemäldesammlungen besitzen mittlerweile über 30 Einzelwerke von Georg Baselitz. Auch bedingt durch eine voluminöse Schenkung im Juni 2019, die in einem eigenen Saal präsentiert wurde - bis ein ganzes Team von Kuratorinnen und Kuratoren die Pinakothek der Moderne umgekrempelt hat. Räume, die einem einzigen Künstler gewidmet sind, gibt es nicht mehr.

Und Baselitz? Ging auf die Barrikaden. Nicht aber, um gegen die Auflösung dieser Einheit zu protestieren. Urplötzlich fiel dem Maler auf, dass ein Triptychon des NS-Künstlers Adolf Ziegler ausgestellt wird. Das hing über drei Jahre lang "next door", also neben dem Baselitz-Saal. Kommentiert, wohlgemerkt. Aber damals scheint Baselitz diese Form der Aufklärung, verbunden mit einer überfälligen Auseinandersetzung nicht gestört zu haben.

Das Verhältnis zu Deutschland ist
nicht ungetrübt

Doch Baselitz wäre nicht Baselitz, würde er nicht poltern und intervenieren. Auch das Verhältnis zu Deutschland ist nicht ungetrübt. Als Reaktion auf das seit 2016 geltende Kulturgutschutzgesetz zog er seine Dauerleihgaben aus deutschen Museen ab. Er befürchtete, nicht mehr frei über sein Eigentum verfügen zu können.

Die Nähe zu Österreich dürfte in den letzten Jahren intensiver geworden sein. Neben dem Ammersee und dem italienischen Imperia zählt Salzburg seit zehn Jahren zu seinen Lebensmittelpunkten. Das dokumentiert auch die Baselitz-Ausstellung in der Wiener Albertina.

Vom 7. Juni bis 17. September werden 100 Zeichnungen aus allen Schaffensphasen des Künstlers gezeigt. Grundlage bildeten jüngst an die Albertina und die Morgan Library in New York vergebene, sehr großzügige Donation von je 50 Blatt, sagt Kuratorin Antonia Hoerschelmann. Baselitz schenkt nicht nur, er produziert weiter. Auch das Leben im Rollstuhl hindert ihn nicht daran. "Meine Fortbewegungsmittel im Atelier kommen jetzt aus dem orthopädischen Fachhandel", sagt der Künstler, der sich selbst als nervösen und genauso chaotischen Typen charakterisiert.

Seinen Aufstieg und seine Bedeutung in der Kunstwelt verdankt er seinem Streben nach Ungesehenem. "Er wollte von Anfang an etwas Neues kreieren, das weder gegenständlich noch abstrakt war", so Hoerschelmann. "Er war ein extrem anspruchsvoller Künstler an sich selbst."

Der Sachse, geboren als Hans-Georg Kern, erinnert mit seinem Künstlernamen an den Geburtsort Deutschbaselitz bei Dresden. Er fing als Teenager mit dem Malen an. Zum Entsetzen seiner Eltern schaffte er nicht das Abitur und wollte auch noch Künstler werden. Sein Gastspiel an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee endete nach nur zwei Semestern. "Das disziplinierte Arbeiten, um die handwerklichen Fertigkeiten zu üben, das war nichts für ihn. Er hat Testate nicht abgegeben", erzählte sein Bruder Günter der "Sächsischen Zeitung" vor einigen Jahren über das abrupte Ende. Baselitz fand eine neue Heimat in West-Berlin und schloss dort sein Kunststudium 1962 ab.

Gerhard Richter
bleibt der ewige
Konkurrent

Mit seinen "Helden-Bildern", die eigentlich Antihelden darstellen, fand Baselitz Mitte der 1960er Jahre einen Stil, der bis heute nachhallt. Figuren, die mit ihren verzerrten Proportionen, riesigen Händen und Füßen und kleinen Köpfen verstören - auch eine Erinnerung an die Schreckensbilder des Zweiten Weltkriegs.

"Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen", beschrieb er einmal sein Credo.

1969 entstand mit "Der Wald auf dem Kopf" das erste Umkehrbild. Er selbst sprach vom "dritten Weg" zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit - und brach so mit Sehgewohnheiten. Für Baselitz bedeuteten die Kopfüber-Motive den endgültigen internationalen Aufstieg. Sein Werk ergänzte er mit zahlreichen Druckgrafiken, Zeichnungen und Holzskulpturen. 2004 erhielt er den Praemium Imperiale, der als "Nobelpreis" der Kunst gilt. Baselitz hat also alles erreicht. Nur seinen ewigen Konkurrenten Gerhard Richter konnte er nicht übertrumpfen.


Künzelsau: Atrium des Museums Würth 2, "Georg Baselitz zum 85. Geburtstag", bis 16. Juli;
Berlin: Contemporary Fine Arts, "Georg Baselitz: Man at Work, zum 85. Geburtstag", bis 22. April;
Wien: Kunsthistorisches Museum "Georg Baselitz - Nackte Meister", 7. März bis 25. Juni; Albertina, "Georg Baselitz: 100 Zeichnungen, 7. Juni bis 17. September
München: Graphische Sammlung, "Malelade", 30. August bis 22. Oktober;
London: Serpentine Gallery, Skulpturen Retrospektive, 7. Oktober bis 24. Januar 2024