Bayern

Jung, wütend, gewalttätig? Warum es Münchner Jugendlichen so schlecht geht

Die Gewalt von Jugendlichen hat zugenommen, sagt die Münchner Polizeistatistik. Lokalpolitiker warnen vor Jugendbanden. Sind junge Menschen wirklich krimineller als früher? Und wenn ja, warum? Sozialarbeiter warnen: Die Jüngeren tun sich vor allem selbst


Jugendliche sind gerne in Gruppen unterwegs, während der Pandemie war das verboten. "Das hat die Lage verschärft", sagen Experten.

Jugendliche sind gerne in Gruppen unterwegs, während der Pandemie war das verboten. "Das hat die Lage verschärft", sagen Experten.

Von Laura Meschede

München - Vor etwa zwei Wochen, sagt der Streetworker Daniel Schweiker, sei er mal wieder an einer Kontrolle vorbeigekommen: Fünf Münchner Polizisten, die zwei Kinder kontrollierten, einen Zehn- und einen Zwölfjährigen. Die Polizei in schusssicheren Westen, die Kinder mit Schulranzen auf dem Rücken. "Die Beamten hatten Waffen dabei!", sagt Schweiker. "Als wir gefragt haben, was das soll, hieß es, es ginge um eine anlasslose Personenkontrolle."

Anlasslose Personenkontrollen - bei Zehnjährigen? Streetworker Schweiker sagt, in den vergangenen Wochen habe er immer wieder solche Einsätze erlebt. Er wolle jetzt einmal nachfragen bei den Jugendkontaktbeamten, was der Hintergrund dieser Kontrollen sei.

Jugendliche sind gerne in Gruppen unterwegs, während der Pandemie war das verboten. "Das hat die Lage verschärft", sagen Experten.

Jugendliche sind gerne in Gruppen unterwegs, während der Pandemie war das verboten. "Das hat die Lage verschärft", sagen Experten.

Die Polizei sagt: "Kriminelle Jugendgruppen begehen gravierende Straftaten"

Eine Antwort könnte der Sicherheitsreport der Münchner Polizei liefern. Der wurde vor etwa zwei Wochen vorgestellt und sparte nicht an drastischen Worten, was die Münchner Kinder und Jugendlichen anbelangte.

Von "kriminellen Jugendgruppen, die zum Teil gravierende Straftaten begehen" war da die Rede, von "Mehrfach- und Intensivtätern, in einzelnen Fällen sogar noch Kindern" und einem "gravierenden Anstieg der Gewaltbereitschaft" unter Kindern und Jugendlichen.

Diejenigen, die die zum Teil gravierenden Straftaten verüben würden, brächten damit "die Jugendlichen insgesamt" in Misskredit. Der Blick der Polizei auf die Münchner Jugend ist, so scheint es, von Misstrauen geprägt.

In Riem will man mehr Polizei gegen "Jugendkriminalität"

Und auch in den Medien waren in den vergangenen Monaten immer wieder Schlagzeilen über kriminelle "Jugendbanden" zu lesen, die BA-Fraktion der SPD Riem/Trudering verabschiedete jüngst ein Antragspaket zum Thema "Jugendkriminalität", in dem mehr Polizeikräfte und Streetworker gefordert wurden.

Und tatsächlich scheinen die Zahlen auf den ersten Blick darauf hinzudeuten, dass die Kriminalität unter den Münchner Jugendlichen zunimmt: 2022 verzeichnete die Münchner Kriminalstatistik fast 500 Tatverdächtige unter 21 Jahren, mehr als im Jahr zuvor.

Eigentlich sind die Straftaten lediglich so hoch wie vor der Pandemie

Auf den zweiten Blick relativiert sich diese Einschätzung jedoch. Denn im Vergleich zu 2019 ist die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren sogar zurückgegangen. Während des Corona-Lockdowns hatten die Straftaten unter Heranwachsenden stark abgenommen, der Anstieg 2022 war in erster Linie eine Rückkehr auf das Niveau von vor der Pandemie.

Woher kommt also der Eindruck von der immer gewalttätigeren Jugend?

"Die Auseinandersetzungen unter Jugendlichen sind mehr geworden"

"Auch wenn die Kriminalität im Gesamten nicht zugenommen hat: Ich habe schon den Eindruck, dass die gewalttätigen Auseinandersetzungen unter Jugendlichen mehr geworden sind", sagt Streetworker Daniel Schweiker. "Viele Jugendliche haben in den letzten Jahren ein hohes Maß an Gewalt erlebt - und teilweise geben sie das jetzt weiter."

Schweiker arbeitet für die Gesellschaft für Soziale Arbeit und ist für den Münchner Süden zuständig, für Sendling, Forstenried, Fürstenried und den Westpark. Dort spricht er Jugendgruppen auf der Straße an und bietet seine Hilfe an - bei Bewerbungen, Besuchen auf dem Amt oder bei Problemen zuhause.

Viele Jugendliche erleben Gewalt zu Hause

"Das Hauptthema, mit dem wir zu tun haben, ist Wohnungslosigkeit", sagt er. "Während Corona hat die Gewalt zuhause stark zugenommen. Aber es gibt keinen Wohnraum für Jugendliche, die beispielsweise von ihren Eltern geschlagen werden. Die Schutzstellen sind vollkommen überlastet."

Besonders für Volljährige sei das ein Problem. "Minderjährige können in solchen Fällen in Obhut genommen werden. Aber wenn die Jugendlichen bereits 18 sind, bleiben ihnen nur die Obdachlosenunterkünfte." Zusammen mit der allgemeinen Zunahme der häuslichen Gewalt während Corona bedeute das, dass viele Jugendliche in den letzten Jahren starke Gewalterfahrungen gemacht hätten. "Und das wird dann teilweise nach außen weitergegeben."

Junge Leute sind gerne in Gruppen unterwegs - in der Pandemie war das verboten

Dazu komme der Verlust des öffentlichen Raumes als Aufenthaltsort. "Gerade die Spots, an denen sich die Jugendlichen gerne aufhalten, standen während der Pandemie stark unter polizeilicher Beobachtung", sagt er. "Und gleichzeitig hatten die meisten Rückzugsorte geschlossen."

Jugendliche seien nun einmal gerne in Gruppen unterwegs - und genau das war während der Pandemie verboten. "Ich hatte Jugendliche, die haben in einer Woche 15 Bußgeldbescheide kassiert", sagt Schweiker. "Das hat dann natürlich zu Problemen daheim geführt - und die Lage insgesamt verschärft."

Seit Corona akzeptieren viele Jugendliche die Polizei weniger als davor

Dazu habe es auch zu einer geringeren Akzeptanz der Polizei unter den Jugendlichen geführt, die sich von den Beamten schikaniert fühlten. "Mit den Jugendkontaktbeamten arbeiten wir sehr gut zusammen", sagt Schweiker. "Aber besonders die Unterstützungskommandos, die häufig bei Einsätzen dazugeholt werden, sind für den Umgang mit Jugendlichen nicht geschult." Polizeiliche Einsätze, bei denen Kinder und Jugendliche anlasslos von bewaffneten Beamten kontrolliert würden, würden die Situation eher verschärfen.

"Dazu kommt: Kontrollen können die Probleme nicht lösen, sondern höchstens verlagern. Wenn die Jugendlichen an einem Platz häufig kontrolliert werden, weichen sie vielleicht auf einen anderen aus. Deswegen haben sie aber noch nicht weniger Marihuana dabei."

"Die Erzählung von Jugendgangs ist eine selbsterfüllende Prophezeiung", sagt ein Experte

Was es in erster Linie bräuchte, so sieht das Schweiker, sei mehr Unterstützung für die Jugendlichen, die aktuell unter einem immensen Druck stünden. Mehr Wohnraum, mehr soziale Rückzugsorte - und mehr Beratungsstellen, die beispielsweise mit Bewerbungen und Amtsgängen helfen könnten. Der kritische Blick auf die vermeintlich "gewalttätige" Jugend sei dagegen nicht hilfreich.

Das sieht auch Andreas Dexheimer so. Dexheimer ist Vorstandsmitglied der Diakonie Rosenheim, die in Münchner Stadtteilen ambulante Erziehungshilfen und Heimeinrichtungen für Jugendliche betreibt. "Die Berichterstattung über die gewalttätigen Jugendgangs ist gewissermaßen eine selbsterfüllende Prophezeiung", sagt Dexheimer. "Die Jugendlichen lesen davon, wie unsicher es draußen ist und bekommen das Gefühl, sie müssten sich schützen. Wenn sie rausgehen, packen sie zur Sicherheit ein Pfefferspray ein."

Weil junge Menschen sich unsicher fühlen, nehmen sie Pfefferspray mit

Durch Corona hätten die Jugendlichen den bedrohlich klingenden Zeitungsmeldungen keine eigenen Erfahrungen entgegensetzen können, so Dexheimer. "Das langsame Herantasten an eine selbstgestaltete Freizeit, das sonst im Alter von 14 bis 17 passiert, ist bei den Leuten, die jetzt volljährig werden, einfach weggefallen." Das daraus entstehende Unsicherheitsgefühl habe die Bereitschaft von Jugendlichen, Pfefferspray oder sogar Messer mit sich zu führen, auf jeden Fall erhöht.

Wobei Dexheimer auch sagt: Im Langzeitvergleich hat die Gewalt eher abgenommen. "Insgesamt ist die gesellschaftliche Toleranz für Gewalt stark gesunken", sagt er. "Eine Schlägerei auf dem Frühlingsfest war noch in den 90ern völlig normal. Das ist nicht mehr so."

Dieser Eindruck schlägt sich auch in den Zahlen nieder: Trotz des möglicherweise gestiegenen Anzeige-Verhaltens ist die Zahl der Gewalttaten, die von Jugendlichen begangen werden, seit den 90er Jahren stark zurückgegangen.

Viele Jugendliche fügen sich selbst Gewalt zu

Ist also eigentlich alles gut? Nicht wirklich, sagt Dexheimer. "Man darf nicht vergessen, dass sich nicht jede Gewalt nach außen richtet", sagt er. "Viel stärker als Schlägereien haben die selbstschädigenden Verhaltensweisen zugenommen." Suchterkrankungen, Essstörungen, Angstattacken und Depressionen: In all diesen Bereichen seien die Zahlen unter Kindern und Jugendlichen besorgniserregend hoch. "Ein Kind, das zuschlägt, das fällt auf", sagt Dexheimer. "Aber ein Kind, das sich zurückzieht, das Depressionen hat oder eine Essstörung, das bemerkt oft lange niemand." Diese Form der Gewalt nehme auf jeden Fall zu. Auch im Langzeitvergleich.