Bayern

Deutsches Museum kämpft gegen Vandalen

Seit der Neueröffnung im Sommer 2022 stellen die Mitarbeiter im Deutschen Museum viel mehr Schäden fest.Die AZ hat ein Reparaturteam begleitet.


Die Museumsmitarbeiter Jaman Drexler (61) und Peter Hanickel (60) machen die Druckluftrakete wieder flott.

Die Museumsmitarbeiter Jaman Drexler (61) und Peter Hanickel (60) machen die Druckluftrakete wieder flott.

Von Nina Job

München - Die Rakete in der Raumfahrt streikt, sie will nicht mehr abheben. "Die Halbwertzeit" ist ebenfalls außer Betrieb: Die 100 Kugeln, die veranschaulichen, wie radioaktive Atome zerfallen, fallen nicht mehr nach unten.

Auch an vielen anderen sogenannten Demonstrationen und Medienstationen im Deutschen Museum klebten in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten rote Wapperl mit der Aufschrift "Außer Betrieb". Sogar eine kleine Überschwemmung gab's in der Brückenbau-Ausstellung. Warum ist schon so viel kaputt im Deutschen Museum, fragen sich Besucher. Es ist ja erst ein gutes halbes Jahr her, dass unter dem Motto "Alles Neu!" groß Wiedereröffnung gefeiert wurde in der generalsanierten ersten Museumshälfte.

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Claus Grünewald (59) ist der Leiter der hauseigenen Werkstätten. Er baut zur Zeit an einer Laser-Target-Kugel als Anschauungsobjekt.

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Ziel von Museumsvandalen: Die verschraubten Plexiglaswürfel wurden herausgerissen. Mittlerweile ist alles wieder repariert.

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Werden herausgerissen oder auf den Boden geknallt: Einhandhörer.

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So viel Kraft braucht's, einen Zahn zu ziehen. Der Griff - gleich kaputt.

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Leopold von der Gönna (35) zeigt, was so alles herausgerissen wird von Besuchern: zum Beispiel solche sogenannten Knochenschrauben.


"Wir haben deutlich mehr Vandalismus als früher", ist die Erklärung von Leopold von der Gönna (35). Der Ingenieur ist für sämtliche Reparaturarbeiten in den Ausstellungen zuständig. Er stellt die Schäden fest, koordiniert die hauseigenen Handwerker. Die AZ hat ihn und zwei seiner Kollegen vom Reparaturteam an einem Montag getroffen. "Nach dem Wochenende gibt es oft recht viele Defekte", erklärt er. Die Wochenenden sind traditionell besucherstarke Tage. Noch mehr los ist an Feiertagen, in der Weihnachtszeit strömten an einem einzigen Tag 6800 Besucher auf die Museumsinsel; mehr als eine halbe Million waren es seit der Neueröffnung.

Das Deutsche Museum ist auch bekannt dafür, dass es komplexe Technik und naturwissenschaftliche Zusammenhänge anschaulich darstellt. Es gibt Hebel zum Ziehen, Knöpfchen zum Drücken, Kurbeln zum Drehen, Bildschirme zum Anfassen und vieles mehr. Doch immer mehr Besucher gehen offensichtlich alles andere als pfleglich damit um. Seit der Neueröffnung fällt auf: "Wir haben deutlich mehr Reparaturen als früher", sagt Leopold von der Gönna.

Durchschnittlich stünden jede Woche 20 Reparaturen und 15 Wartungen an. Zum Beispiel die Rakete: Sie war erst vor wenigen Tagen "frei" gemeldet worden von den Reparateuren, das heißt, sie funktionierte wieder. Nun hat sich durch starke Beanspruchung schon wieder ein Teil gelockert.

Wie hoch die Schäden sind, wird normalerweise nicht erhoben. 341 der sogenannten Demonstrationen im Museum sind in den hauseigenen Werkstätten gebaut worden und werden auch von den eigenen Mitarbeitern repariert. Fast 100 Menschen arbeiten in den 21 Museumswerkstätten.

Viele Defekte gibt es nach dem Wochenende


Dass es nicht an den Neuerungen liegt, zeigt sich daran, dass auch Darstellungen, die früher schon gezeigt wurden,
plötzlich häufiger kaputtgehen. Dabei gab's schon Materialverbesserungen. "Nylonschnur, die früher ausgereicht hat, haben wir durch drei Millimeter dickes Stahlseil ersetzt. Aber auch das ist gerissen", erzählt Gönna. Eine Kurbel, die die Archimedische Schraube antreibt, wurde in der neuen Ausstellung so heftig gedreht, dass es eine kleine Überschwemmung gab. Der Übeltäter entkam.

Auch beim neuen Periodensystem gab's Vandalismus: Dargestellte Elemente, die in Plexiglaswürfeln auf einem Tisch fest verschraubt sind, wurden herausgerissen. Museumsmitarbeiter konnten gerade noch verhindern, dass sie gestohlen werden. Und es gibt noch viel mehr Negativbeispiele. Sebastian Stehle, der für die elektronischen Medien zuständig ist, berichtet, ein Monitor sei eingeschlagen worden. "Das gab's noch nie." Und von den sogenannten Einhandhörern, die man sich ans Ohr hält, gehe etwa alle drei Wochen einer kaputt.


Robert Püttner baut seit 30 Jahren Demonstrationsobjekte fürs Museum. Die Besucher, die seinen Bauten besonders zusetzen, sagt er, sind kräftige junge Azubis, die in Gruppen kommen und im Museum ihre Kräfte messen. "Jungstierklassen", nennt er sie augenzwinkernd.

Wer auch immer die Vandalen sind, an eine Videoüberwachung denken die Museumsleute derzeit nicht. Die Besucher sollen sich frei bewegen können. Und so bleibt derzeit nur: "Wir reparieren alles", sagt Leopold von Gönna. "Wir versuchen, immer alles so schnell wie möglich wieder zugänglich zu machen, damit die Besucher erleben können, wofür sie da sind." Nur bei Demonstrationen, die das Museum gekauft hat, die also externe Hersteller haben, kann es schon mal ein paar Wochen dauern, bis ein Ersatzteil geliefert ist.

Die Rakete und "die Halbwertzeit" gehören nicht dazu. Sie sind Marke Eigenbau und funktionieren wieder - erstmal.